Unser Beitrag: Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismuszurück

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Am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, dem 27.01.2016, nahm ein Vokalensemble unserer Schule an der Gedenkfeier am Neu-Ulmer Friedhof teil. Dieses rahmte eine vielbeachtete Rede des Schülers Ole Girod musikalisch ein.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Seit dem 27. Januar 1945 hat es in diesem Land eine Erneuerung gegeben, eine Erneuerung, auf die wir zurecht stolz sein können, die jedoch auch stets aufs Neue – und heute mehr denn je –  verteidigt und ausgebaut werden muss.
Werfen wir einen Blick zurück auf den Ausgangspunkt, den 27. Januar, an dem das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde. An diesem Tag befreiten sowjetische Truppen einen Ort, an dem weit mehr als ein Million unschuldige Menschen, Männer, Frauen, Kinder, aus purem Rassenwahn systematisch ermordet wurden. Sie gehörten angeblich anderen Rassen an, es waren größtenteils Juden sowie Sinti und Roma, und als solche wurden sie als gefährlich angesehen. Ihre Ermordung galt – um ein heutiges Unwort zu verwenden – als alternativlos. Auschwitz, das gilt heute als Symbol für den schwärzesten Abgrund der deutschen Geschichte, den Holocaust, aber auch für die Schuld von hunderttausenden Deutschen, die direkt daran beteiligt waren, die Mitschuld von Millionen anderer Deutscher durch Mitwisserschaft und schließlich für unsere Verantwortung, mit dieser Geschichte umzugehen.
Unsere erste Verantwortung ist niemals zu vergessen und niemals zu relativieren. Dies ergibt sich schon allein aus Respekt vor den Ermordeten und ihren Angehörigen. Unsere zweite Verantwortung ist zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, in einem Land der Dichter und Denker, der Erfinder und Unternehmer, das viel zu zivilisiert erschien, als dass jemals ein solches Verbrechen aus ihm hervorgehen könnte. Unsere letzte Verantwortung ist es schließlich, den Anfängen ähnlicher Entwicklungen in der Gegenwart zu entgegenzutreten, nicht nur durch Gesetze, staatliche Institutionen und feierliche Reden an Gedenktagen, sondern  auch durch Zivilcourage im Alltag, als einzelne mündige Bürger unserer Demokratie.
Seit vielen Jahrzehnten hat es nun schon in diesem Sinne eine Erneuerung in unserem Land gegeben. Eine Erneuerung, die einem im Kontrast mit dem nationalsozialistischen Weltbild schon an den Gesichtern unseres politischen Führungspersonals ins Auge fällt: Eine Frau ist Bundeskanzlerin, eine andere Verteidigungsministerin, ein körperlich Behinderter ist Finanzminister, der Amtsvorgänger des Außenministers war bzw. ist homosexuell, der frühere Gesundheitsminister war ein Adoptivkind aus Vietnam. Deutschland ist ein tolerantes Land geworden, ausgesöhnt und eng verflochten mit seinen europäischen Nachbarn, ein Einwanderungsland, reich an Kulturen und selbst die jüdische Kultur hat hier wieder neue Wurzeln geschlagen, wie unter anderem zu sehen an der neuen Synagoge in Ulm. Darauf können wir stolz sein.
Es gilt aber auch – und nun komme ich auf die Verantwortung des Verstehens und des Einstehens für unsere Werte zu sprechen – diese Errungenschaften der Erneuerung zu verteidigen. Denn heute – wie damals – greift durch die Flüchtlingskrise eine Angst vor Veränderung und vor dem Fremden um sich. Laut dem Psychiater Bandelow steckt diese archaische Urangst vor dem Fremden in jedem von uns, bei ungebildeten wie gebildeten Menschen gleichermaßen, und diese kann auch aktiviert werden. Sieht man sich um, so bemerkt man, dass diese Urangst nicht nur aktiviert, sondern vielmehr  instrumentalisiert wird von Demagogen, die daraus Hass schmieden, von Donald Trump in den USA über den Front National in Frankreich, das nationalkonservative Polen und das autoritäre Ungarn, bis hin zu Pegida in Deutschland. Gerüchte und gefährliche Halbwahrheiten werden vor allem in Internet gezielt verbreitet und mit unsäglich hasserfüllten Kommentaren versehen, bis hin zum Aufruf zum Mord. Es ist kaum vorstellbar, welche Aussagen heutzutage im Netz gemacht werden, so wie es damaligen Beobachtern kaum vorstellbar war, dass das, was Hitler sagte, ernst zu nehmen sei oder im zivilisierten Deutschland immer mehr Anhänger fände. Die sozialen Netzwerke verstärken heute bei vielen eine verzerrte Wahrnehmung, die bald nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Was nicht zu diesem Weltbild passt, ist für nicht wenige inzwischen ein Produkt der sogenannten Lügenpresse, ein Begriff den übrigens auch die Nazis schon nutzten. Seit den Vorfällen in Köln greifen Stereotype, dass für „den Araber“ jede Frau Freiwild sei um sich, die seltsam denen der Dreißiger und Vierziger Jahre gleichen, nach denen der Jude den ehrbaren deutschen Frauen nachstelle. Die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes klingen seltsam ähnlich einem Buchtitel des 19. Jahrhunderts, der da hieß: Die Verjudung Deutschlands und der Weg zur Rettung. Die jüdische Weltverschwörung damals und die angeblich drohende Eroberung Europas durch Muslime heute – wahlweise durch den IS oder durch die höhere Geburtenrate von Muslimen – weisen auffällige Gemeinsamkeiten auf. Was all diesen Parolen gleich ist, ist zum einen die rassistische Verallgemeinerung. Zum anderen ist es eine Erlösungs-Sehnsucht, die danach  verlangt, einen Sündenbock zu benennen, mit dem, wenn einmal in die Wüste gejagt, das Land augenblicklich wieder in einen harmonischen Zustand zurückfallen würde. Beides ist natürlich so einfach wie falsch.

Es ist zugegebenerweise heutzutage weitaus schwieriger, ja ein Akt der geistigen Selbstverteidigung, sich bei der Flut an Information und Desinformation ein differenziertes Bild zu machen. Dennoch müssen wir  – gerade als Zivilgesellschaft – weiter differenzieren, wir müssen hinterfragen und wir müssen widersprechen. Es ist mühsam und erfordert Mut von jedem Einzelnen. Aber es hat in diesem Land eine Erneuerung gegeben. Meine Damen und Herren, lassen Sie uns diese Erneuerung verteidigen.