Berghofer rezitiert Borchertzurück

Der freie Rezitator Gerd Berghofer liest Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert für die 10. Jahrgangsstufe.

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Gerd Berghofer absolviert 150 Auftritte im Jahr, die Hälfte davon an Schulen. Am Bertha-von-Suttner Gymnasium trug der Vortragskünstler dieses Mal für die Schüler und Schülerinnen der 10. Jahrgangsstufe Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert vor.

Der Schriftsteller Borchert lebte von 1929 bis 1947 und gilt als Vertreter der Trümmerliteratur. Für die Schüler heute erscheine Borchert zunächst also „weit weg“, seine Erfahrungen jedoch seien auch heute überall dort aktuell, wo Krieg herrscht. Eindrucksvoll und anschaulich beschreibt Gerd Berghofer das kurze Leben des Autors und die psychischen und physischen Qualen, die dieser als Soldat im 2. Weltkrieg erlitt. Borchert überlebt, flieht aus der Kriegsgefangenschaft und kehrt verwundet und krank 1946 zu Fuß in seine Heimatstadt Hamburg zurück, wo alles in Trümmern liegt. Aus diesen Erlebnissen entstand das Hörspiel „Draußen vor der Tür“, welches einen Tag nach Borcherts Tod im November 1947 als Theaterstück uraufgeführt wird und ihm großen Erfolg beim Publikum beschert.

Das Gesamtwerk des Schriftstellers passt wegen seines frühen Todes in ein Buch, aus dem Gerd Berghofer vier Kurzgeschichten vorliest. Die ersten drei sind allesamt im Krieg verortet und schwere Kost. In „Mein bleicher Bruder“ übt ein Leutnant Rache an einem seiner Soldaten, wodurch dieser zu Tode kommt. Die einigen Schülern bekannte Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ erzählt von einem Jungen, der in den Trümmern seines Wohnhauses seinen verschütteten kleineren Bruder vor Ratten beschützt. „Die drei dunklen Könige“ schließlich ist eine in die Nachkriegszeit übertragene Weihnachtsgeschichte, in der drei Kriegsheimkehrer am Weihnachtsabend einem Neugeborenen und seinen Eltern alles schenken, was sie besitzen: Tabak, einen selbst geschnitzten Esel aus Holz und zwei Bonbons.

Die vierte Geschichte mit dem Titel „Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels“ ist aus dem Frühwerk Borcherts und trotz des eigentlich tragischen Hintergrunds so humorvoll geschrieben, dass die nachdenkliche und etwas düstere Stimmung sofort verflogen ist. Mit dem Text hat der Autor seinem geliebten Onkel ein Denkmal gesetzt, der auf Grund einer Kriegsverletzung einen Sprachfehler hat und „s“ nur als „sch“ aussprechen kann. Er trifft in einem Café auf einen Kellner mit dem gleichen Sprachfehler, was zunächst zu Missverständnissen und Streit führt, jedoch in eine mit vielen Schnäpsen besiegelte Versöhnung mündet.

Beim Rezitieren dieser Geschichte wird die Vortragskunst Berghofers besonders deutlich: Er lispelt, zischt, ereifert sich und gestikuliert so überzeugend, dass die Heiterkeit sofort auf die Schüler übergreift. Deren Kommentare nach der Lesung: „Düster“, „witzig“, „interessant“ und „sehr beeindruckend“!