Du musst dein Ändern leben – das Kafka-Experimentzurück

An zwei Abenden führten die Teilnehmer der AG CROSSOVER.film.musik.theater ein Stück frei nach Kafkas „Die Verwandlung“ auf.

„Eine emotionale Achterbahnfahrt“ – Schüler experimentieren zu Kafka-Text

„Ihr habt mich auf eine emotionale Achterbahnfahrt geschickt!“ So der Kommentar einer Zuschauerin nach der Premiere des Stücks „Du musst dein Ändern leben – das Kafka-Experiment“ am BvSG Pfuhl.

Das Publikum hatte im Anschluss an die Aufführung die Möglichkeit, sich mit allen Mitwirkenden auf der Bühne über das Stück auszutauschen und nutzte dies zu Fragen und Kommentaren: „Die Vorstellung war zeitweise fröhlich, dann wieder beklemmend, ja sogar gruselig.“

Und in der Tat, unberührt verließ an diesem Abend keiner die Aula des Gymnasiums. Wie schafften es die SchülerInnen, Kafkas Erzählung aus dem Jahr 1912 so auf die Bühne zu bringen, dass die Zuschauer im Anschluss sogar von „Gänsehaut“ sprechen?

Ist es die Tatsache, dass die Teilnehmer des Wahlkurses CROSSOVER.film.musik.theater sich zunächst ganz dem Thema „Veränderung“ hingegeben und eigene Texte dazu verfasst haben, um dann festzustellen, dass Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ all dies auch ausdrückt?

Sind es die Geräusche und die Musik, die live auf der Bühne die Szenen passend begleiten (grandios: Daniel Kern an der Klarinette!)? (Leitung Musik: Veronika Frauendienst)

Sind es die Animationen und Projektionen, die den Inhalt interpretierend ausgestalten und neue Sichtweisen eröffnen, wie die auf eine riesige Leinwand projizierten ineinander laufenden Farben, die neue Farben und changierende Muster entstehen lassen? (Leitung Animation: Elisabeth Baumgartner)

Oder ist es die Authentizität der Darstellung, das Gefühl, dass all das Geschehen auf der Bühne mit den Acht- und Zehntklässlern selbst zu tun hat? (Leitung Schauspiel: Anja Fladerer)

Beeindruckend gelingt gerade dies in einer der Anfangsszenen, als die Familie von Kafkas Held Gregor Samsa entsetzt feststellen muss, dass sich der Sohn/Bruder über Nacht in einen Käfer verwandelt hat. Nachdem das Entsetzen über diese Mutation zum Ausdruck gebracht worden ist, wechselt das Geschehen die Ebene, von der Verwandlung zu einem Insekt zur Wandlung von Kindern zu Jugendlichen und den Reaktionen der Gesellschaft. Anonymisiert durch über den Kopf gestülpte weiße Kartons stellen sich die Schauspieler auf der Bühne auf. Darauf werden zum Teil unangenehm nahe Ausschnitte von Gesichtern der SchauspielerInnen als Videoeinblendung projiziert, die schimpfend, aber auch verunsichert Kritik herausschreien: „Was du heute wieder anhast!“ „Sei nicht immer so schüchtern!“ „Du musst mehr trainieren!“ „Das ist nur etwas für Mädchen!“ Man bekommt eine Vorstellung davon, was Jugendliche den ganzen Tag zu hören bekommen und beginnt sofort sein eigenes Verhalten Kindern und Jugendlichen gegenüber zu reflektieren.

Dass dem Publikum auch etwas zugemutet werden würde, ist gleich zu Beginn deutlich: Denn bei der Begrüßung warnen zwei Schauspieler, dass dies kein Abend wird, bei dem man sich einfach gemütlich zurücklehnen könne.

Am beklemmendsten wirkt sicherlich die Szene, als der zum Insekt mutierte Gregor Samsa von seiner Familie verstoßen wird. „Es muss weg“ zischen die Darsteller in ständiger Wiederholung. Körperlich sichtbar wird dieser Gewaltakt anschließend, als Gregor auf die direkten Beschimpfungen des Vaters reagiert bis er sich schließlich, an mehreren Stellen getroffen, am Boden krümmt. Und als wäre das nicht bereits genug, wird hier noch das Publikum dazu animiert, mitzumachen. Die vorab ausgeteilten Zettel mit Begriffen kommen nun zum Einsatz und so tönt es nun nicht nur von der Bühne, sondern auch aus den Besucherreihen: „Ekelhaft!“ „Unerträglich!“ „Geschmacklos!“ Es entwickelt sich ein immer lauter werdendes Szenario der Beschimpfungen, was eine äußerst unbehagliche Stimmung erzeugt.

Doch auch die schönen Seiten einer Veränderung werden sehr eindrücklich dargeboten. Über die Verwandlung einer Raupe in einen wunderschönen Schmetterling doziert der Zehntklässler Leon Heiler, der als Professor mit schwingendem Zeigestock auf der Bühne auf und ab läuft – ein äußerst humoristischer Einschub. Aber auch die raumfüllende Projektion farbiger Tuschewolken, die mit versöhnlichen Klängen musikalisch untermalt ist und sich wie eine Decke über die zusammengesunkenen Darsteller legt, lässt eine positive Stimmung aufkommen.

Das Ende des Stücks bleibt jedoch – anders als bei Kafka – offen. Aus der grotesk im Kreis tanzenden Familie löst sich die Zehntklässlerin Ilayda Aslan und geht stark, mit einem in die Ferne gerichteten Blick von der Bühne ab und knallt die Türe hinter sich zu.

Alle Einfälle zu dieser Aufführung kamen von den SchülerInnen selbst und ein Zuschauer fasst nach einem langen Applaus zusammen, was alle denken: „Sensationell!“

Die CROSSOVER-Gruppe ist als eine von zehn Gruppen für die 61. Theatertage der bayerischen Gymnasien ausgewählt, die dieses Jahr vom 23.-26.Juli in Bamberg stattfinden.