| Abiturrede des Schulleiters - 2009 |
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Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, am Ende einer dreizehnjährigen oder längeren Schulzeit geht allen Beteiligten alles Mögliche durch den Kopf. Unzählige und mannigfaltige Gedanken verbinden sich – zusammen mit Gefühlen des Stolzes, der Erleichterung und der hoffentlich freudigen, vielleicht auch etwas bangen Erwartung an die Zukunft – zu einem unentwirrbaren Gemisch. Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben nun Ihren schulischen Bildungsweg erfolgreich zurückgelegt und bei dieser Gelegenheit ist es sinnvoll und wichtig in die Zukunft zu schauen und den Versuch zu wagen, Orientierungspunkte für den zukünftigen Lebensweg aufzuzeigen.
Sicher wird jeder von Ihnen sich schon Gedanken gemacht haben, wie er sein Leben, das nun vor ihm liegt, gestalten will und was letztendlich das Ziel ist, das er in der Zukunft anstrebt, im beruflichen und im privaten Bereich. Und so unterschiedlich und einzigartig jeder einzelne von Ihnen ist, so verschieden werden auch Ihre Erwartungen an den eigenen Lebensweg und das Leben an sich sein, die man zum Zeitpunkt des Abiturs oder etwas später hat. Jeder einzelne von Ihnen wird, kann und muss ja für sich selbst seine eigenen individuellen Schwerpunkte setzen, um dann auch zu jener Erfüllung zu kommen, von der bedeutende Autoren schreiben, je nachdem ob Sie nach materiellen Besitztümern wie Reichtum, Macht, Erfolg oder nach immateriellen Gütern wie Wissen, Bildung oder nach beidem streben. Aus diesem Grunde möchte ich Ihnen heute, an einer entscheidenden Weichenstellung Ihres Lebens, ein paar Orientierungspunkte und Anregungen für die Gestaltung Ihres persönlichen, aber auch beruflichen Lebens in der Zukunft geben. Was im Grunde jeden Menschen, aber vor allem auch Menschen in Ihrem Alter und an einem Tag wie dem heutigen, wo Sie verständlicherweise glauben, das Glück bereits in Händen zu haben, bewegt, ist sicher die Frage: Was ist Glück? Kann ich das gegenwärtige Glück zu einem dauerhaften Besitz machen? Wie kann ich mein Leben so führen oder gestalten, dass ich vielleicht sogar etwas von jenem Glück erlebe, von dem die großen Schriftsteller uns eine gewisse Ahnung gegeben haben? Zu unserer heutigen Betrachtung mit dem Thema „Glück und Erfolg“ habe ich deshalb eine Stelle aus dem Geschichtswerk des griechischen Historikers Herodot ausgewählt. Sie selbst, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, mögen mit mir gemeinsam dabei überlegen, ob Sie für Ihre eigene Zielsuche und Ihren eigenen Lebensweg daraus hilfreiche Gedanken übernehmen können, und ich hoffe, Ihnen dazu ein paar Anregungen mit auf den Weg zu geben.
Herodots Bericht über Kroisos und Solon: Im ersten Buch seines Geschichtswerkes stellt Herodot den König Kroisos, im 6. Jh. Herrscher über das kleinasiatische Reich der Lyder, als einen eitlen und über alle Maßen reichen König dar, der voller Selbstüberschätzung und Arroganz meint, dass er aufgrund seines Reichtums der glücklichste aller Menschen sei. Eines Tages wird dieser Kroisos von einem Mann besucht, der als einer der gelehrtesten Persönlichkeiten der Antike gilt, nämlich dem athenischen Politiker und Dichter Solon. Diesem zeigen die Diener des Kroisos auf Anweisung ihres Königs alle die großen und beeindruckenden Schätze ihres Herrn. Auf diese Weise, so glaubt Kroisos, sei sein Gast Solon am besten vorbereitet auf die Beantwortung der Frage, ob er schon einen Menschen gesehen habe, der von allen der glücklichste sei. Dabei will Kroisos diese Frage in der Annahme stellen, dass Solon ihn selbst als den glücklichsten Menschen auf Erden nennen werde. Der athenische Gelehrte enttäuscht aber den Lyderkönig in höchstem Maße. Denn auf die Frage des Kroisos, wer der Glücklichste aller Menschen sei, nennt er zur Überraschung des Lyderkönigs nicht ihn, sondern einen wenig bekannten Athener mit dem Namen Tellos und begründet seinen Standpunkt folgendermaßen: Tellos lebte in einer blühenden Stadt, hatte treffliche wackere Söhne und sah, wie ihnen allen Kinder geboren wurden, die alle am Leben blieben. Er war nach unseren Begriffen wohlhabend, und sein Leben krönte ein herrlicher Tod. Er nahm an einem Kampfe der Athener gegen ihre Nachbarn in Eleusis teil, brachte die Feinde zum Weichen und starb als ein Held. Die Athener begruben ihn auf Staatskosten an der Stelle, wo er gefallen war, und ehrten ihn hoch. Über diese erste Antwort Solons ist Kroisos erstaunt und fragt den athenischen Gelehrten, wer denn nach dessen Meinung der Zweitglücklichste sei, in der eigenen Erwartung, dass Solon nun doch endlich ihn nennen werde. Doch Kroisos muss wieder überrascht und schon leicht verärgert zur Kenntnis nehmen, dass nun erneut nicht er, sondern zwei athenische Brüder, nämlich Kleobis und Biton, nach Tellos den zweiten Rang als glücklichste Menschen einnehmen. Diese seine Meinung begründet der Gelehrte folgendermaßen: Beide Brüder hatten genug zum Leben und waren von großer Körperkraft. Beide trugen Preise in den Kampfspielen davon und sie zeichneten sich auch in Folgendem aus: Als man in Argos das Fest der Hera feierte, musste die Mutter der Jünglinge in den Tempel gefahren werden, die Stiere aber waren auf dem Feld und kamen nicht rechtzeitig zurück. Die Stunde drängte, und die Jünglinge traten selbst unter das Joch und zogen den Wagen, auf dem ihre Mutter saß. Fünfundvierzig Stadien liefen sie und gelangten zum Tempel. Und nach dieser Tat, die das ganze versammelte Volk gesehen hatte, starben sie vor Erschöpfung. Und das Volk von Argos pries die Kraft der Jünglinge und die Frauen lobten ihre Mutter, weil sie solche Kinder geboren hatte. Diese Antwort des Solon verärgert Kroisos in hohem Maße, nachdem er von seinem Gast nun nicht einmal als Zweitglücklichster eingestuft worden ist. Darauf antwortet Solon mit ausführlichen, grundsätzlichen Überlegungen: Menschliches Leben ist dem Zufall ausgeliefert; in ihm muss der Mensch vieles erleben und erleiden, was er nicht erleben und erleiden möchte. Und im Hinblick auf einen möglichen Zusammenhang von materiellem Besitz und Glück erklärt Solon, dass über einen Reichen erst nach dessen Lebensende gesagt werden könne, ob er glücklich gewesen ist, wenn er zusätzlich zu seinem Reichtum sein Leben auch noch glücklich beendet hat. Vor dem Lebensende dürfe man überhaupt nicht sagen, dass ein Mensch glücklich sei. Das weitere Schicksal des Kroisos ist kurz erzählt. In seiner Überheblichkeit greift der Lyderkönig das große Perserreich an, um dieses zu erobern und somit sein eigenes Reich erheblich zu vergrößern, nicht ohne vorher beim Orakel von Delphi sich nach dem Kriegsausgang erkundigt zu haben. Den Orakelspruch, er werde, wenn er den Grenzfluss Halys überschreiten werde, ein großes Reich zerstören, interpretiert er, auch hier aus Übermut, zu seinem eigenen Vorteil in der irrigen Meinung, er werde das Perserreich zerstören. Doch der lydische König verliert den Krieg gegen das Perserreich und soll nun als Kriegsgefangener auf dem Scheiterhaufen sterben; im Moment größter Not, als der Scheiterhaufen bereits brennt, fallen Kroisos die Worte Solons ein; jetzt, nach seinem eigenen Schicksalsschlag, versteht er sie und ruft deshalb mehrmals den Namen des athenischen Gelehrten aus. Der persische Großkönig Kyros wird aufmerksam und will Kroisos nun befragen, was es mit seinen Äußerungen auf sich habe, doch der Scheiterhaufen lässt sich nicht mehr löschen. In dieser aussichtslosen Lage schickt Apollon Regen, der Scheiterhaufen wird gelöscht und Kroisos kann vor Kyros geführt werden. Auf die Frage des persischen Großkönigs, weshalb er dreimal den Namen „Solon“ ausgerufen habe, berichtet Kroisos von seiner Begegnung mit dem athenischen Gelehrten und davon, dass er dessen Glücksvorstellung nun im Augenblick größter Not verstanden habe. Kyros selbst ist von den Worten des Kroisos beeindruckt und nimmt ihn in seinen Beraterstab auf.
Auswertung Betrachten wir das von Herodot geschilderte Geschehen im Hinblick auf die Kriterien von Glück und Erfolg, so stellen wir Folgendes fest, was ich Sie auch auf Ihrem zukünftigen Lebensweg zu beherzigen bitte:
Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, bitte ich, diesen Gedanken vom Wankelmut irdischen Glücks für Ihr künftiges Leben zu bedenken. Sie werden dann die Wege ihres eigenen Lebens aus einer gewissen inneren Distanz betrachten und mit mehr Gelassenheit auf veränderte Situationen reagieren können. Es wird Ihnen so auch leichter fallen, mit momentanen Misserfolgen richtig umzugehen und nach Erfolgen andererseits auch nicht übermütig zu werden.
Wünsche zum Abschied und Schluss Meine lieben Abiturientinnen und Abiturienten, ich wünsche mir, dass Sie die von mir vorgebrachten Gedanken mitnehmen in ihr weiteres Leben:
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, meine Kolleginnen, meine Kollegen und ich selbst wünschen Ihnen, dass Sie auf ihrem zukünftigen Weg in richtiger Weise auf dem am Bertha-von-Suttner-Gymnasium Gelernten aufbauen und mit Entschlossenheit und Tatendrang, aber auch mit Idealismus alle Ihre Kräfte und Fähigkeiten noch weiter mobilisieren und aktivieren, um so schließlich den künftigen beruflichen, aber auch den privaten Lebensweg mit Zufriedenheit, ja mit Glück, gehen zu können. Denken Sie bei allem aber auch daran, dass Glück mehr ist als beruflicher oder materieller Erfolg! Zu allem dürfen wir Ihnen Gesundheit wünschen; ohne diese ist nämlich das Erreichen von Glück und Erfolg nur sehr schwer oder sogar überhaupt nicht möglich. Für die Lehrerschaft des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums und ganz persönlich gratuliere ich Ihnen und Ihren Eltern noch einmal sehr herzlich zu Ihrem Abitur und wünsche Ihnen für den weiteren Lebensweg alles Gute und Gottes Segen!
Vier Vertreter der Abiturienten ließen in ihrer Rede die vergangenen neun Jahre nochmals lebendig werden.
Auch der Elternbeiratsvorsitzende, Prof. Carsten Urban, gab den Abiturienten ermutigende Worte mit auf den Weg.
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| Aktualisiert ( Dienstag, 07. Juli 2009 um 15:31 Uhr ) | ||||


