| Verabschiedung des letzten G9-Jahrganges am 02.05.2011 |
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Abiturrede des Schulleiters
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern und Angehörige unserer Absolventen, liebe Schülerinnen und Schüler, meine Damen und Herren,
am Ende einer dreizehnjährigen oder längeren Schulzeit geht allen Beteiligten alles Mögliche durch den Kopf: Stolz, Erleichterung und eine hoffentlich freudige, vielleicht aber auch etwas bange Erwartung an die Zukunft verbinden sich zu einer komplexen Mischung. Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben nun Ihren schulischen Bildungsweg erfolgreich zurückgelegt und beschreiten einen neuen Weg, der, wie alles Unbekannte, Chancen, aber auch Risiken beinhaltet. So unterschiedlich und einzigartig jeder einzelne von Ihnen ist, so verschieden werden auch Ihre Erwartungen an den eigenen Lebensweg und das Leben an sich sein. Jeder einzelne von Ihnen wird ja für sich selbst nun seine eigenen individuellen Schwerpunkte setzen aus dem bewussten oder möglicherweise auch unbewussten Wunsch heraus, zu einem erfüllten Leben zu kommen. Aus diesem Grunde sehe ich es als meine Aufgabe, Ihnen heute, an einer entscheidenden Weichenstellung Ihres Lebens, ein paar Orientierungspunkte und Anregungen für die Gestaltung Ihres persönlichen, aber auch beruflichen Lebens in der Zukunft zu geben. Basis unserer heutigen Betrachtung und Interpretation soll ein kleines, aber berühmtes Werk des griechischen Philosophen Platon sein, nämlich die Verteidigungsrede des Sokrates vor dem athenischen Gerichtshof, die er gegen zwei Anklagepunkte vorgebracht hat: Zum einen gegen den Vorwurf, er, Sokrates, würde die Jugend verderben, zum zweiten gegen den Vorwurf, er handle gesetzwidrig, weil er nicht an die Götter glaube, die der Staat als die richtigen anerkennt. Vieles von dem, was Sokrates damals im Jahre 399 v. Chr. vor dem athenischen Gerichtshof gesagt hat, hat zeitlose Gültigkeit und kann auch einem Menschen des 21. Jhdts. Antwort auf manche Fragen, auch für die eigene Lebensführung, geben. Denn so wie Sokrates damals im Spannungsfeld zwischen seiner individuellen Verantwortlichkeit und den Forderungen der Gesellschaft an ihn stand und auch Position beziehen musste, so werden auch Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, in Ihrem eigenen Leben vor ähnliche Fragen gestellt sein, wenn Sie dieses bewusst führen und gestalten wollen. Und ich möchte Sie und die ganze Festgesellschaft nun bitten, mit mir gemeinsam einzelne Gesichtspunkte aus der Verteidigungsrede des Sokrates zu betrachten und in die Gegenwart des 21. Jhtds. zu übertragen.
Sokrates zwischen individueller Verantwortlichkeit und den Forderungen der Gesellschaft: In seiner Auseinandersetzung mit den oben erwähnten Anklagepunkten kommt Sokrates sehr schnell zu der Frage, wie es dazu kam, dass Teile der athenischen Gesellschaft ihn für einen Sophisten, einen sog. „Weisheitslehrer“, halten, und nennt als Ursache die Tatsache, dass er sich durch nichts anderes als „eine Art Weisheit“ diesen Namen zugezogen habe (20 c-d). Als Zeugnis dafür führt Sokrates folgende Episode an: Ein gewisser Chairephon habe sich mit der Frage an das Orakel von Delphi gewandt, ob es einen gebe, der weiser sei als Sokrates, und die Priesterin Pythia habe geantwortet, keiner sei weiser. Sokrates seinerseits aber kann, als er von der Aussage der Pythia erfährt, damit nichts anfangen, da er sich weder im Großen noch im Kleinen irgendeiner Weisheit bewusst ist. Was meint wohl der delphische Gott, wenn er behauptet, er, Sokrates, sei der Weiseste? (21 b) Die Aussage der Pythia lässt ihn nicht mehr ruhen. Einen anderen Menschen hätte sie hochmütig gemacht; er hätte sich voller Stolz zurückgelehnt und wäre zur Tagesordnung übergegangen; doch Sokrates will der Wahrheit auf den Grund gehen. Und er macht sich deshalb auf einen mühevollen Weg, indem er Menschen prüft, die den Anspruch erheben, Wissen zu besitzen, und deshalb meinen, weise zu sein; auf diese Art will er den Spruch des Orakels widerlegen, wenn er erkennen müsste, dass es tatsächlich Menschen gibt, die weiser sind als er. Und so überprüft er drei angesehene Gruppen der athenischen Bevölkerung, die Politiker, die Dichter und die Handwerker, viele, die sich einbilden, die Weisheit zu besitzen. Bei allen stellt er jedoch fest, dass die Geprüften zwar von vielen anderen Menschen für weise gehalten werden und am meisten sich selbst für weise halten, es tatsächlich aber nicht sind, weil ihre angebliche Weisheit über formale Kenntnisse nicht hinausreicht und im Grunde nur Einbildung ist. Sokrates erkennt dagegen, dass er den Überprüften tatsächlich in einem Punkt überlegen ist, nämlich darin, dass er, wenn er schon nichts weiß, sich auch nicht einbildet etwas zu wissen (21 c–d). Sokrates geht aber noch einen Schritt weiter, indem er sagt, nur der Gott ist weise und nur der ist der weiseste, der erkannt hat, dass er nichts weiß. Und wie sehr dem Sokrates in diesem Zusammenhang die Wahrheitssuche am Herzen liegt, ja wie sehr er darum auch persönlich ringt, wird darin deutlich, dass er erklärt nie aufhören zu wollen nach Weisheit zu suchen (29d). Sokrates sagt des Weiteren, dass er die athenischen Bürger nicht nur auf ihr Wissen, sondern auch daraufhin, ob sie einen guten Charakter hätten, überprüft habe. Und bei dieser Überprüfung habe er festgestellt, dass die Bürger aus rein utilitaristischen Beweggründen sich durchweg nur darum kümmerten, zu Geld, zu Ehre und zu Ansehen zu kommen, aber nicht darum, dass sie eine möglichst gute Seele haben (29e). Und Sokrates sagt, dass sie mit dieser Haltung das Wertvollste am niedrigsten einschätzten und das Minderwertige höher bewerteten. Und dass er es als seine Aufgabe ansehe, die Athener dahin zu führen, dass sie sich um einen möglichst guten Zustand ihrer Seele kümmern (30b). Als Grund, weshalb in der Anklageschrift behauptet werde, er glaube nicht an die Götter, führt Sokrates auch an, dass er in der Öffentlichkeit wiederholt gesagt habe, eine göttliche Stimme spreche zu ihm (31 d). Diese göttliche Stimme habe ihn davon abgehalten in die Politik zu gehen. Und diese Stimme habe ihn heute nicht davon abgehalten ins Gerichtsgebäude zu gehen und sich dem Prozess zu stellen (40b). Deshalb sei dieses Gerichtsverfahren für ihn etwas Gutes. Diese göttliche Stimme ist für Sokrates die oberste ethische Instanz, die dem Menschen verdeutlicht, was gut und was böse ist.
Auswertung Betrachten wir nun die von Platon geschilderten Gedanken, so stellen wir Folgendes fest, was ich Sie auch auf Ihrem zukünftigen Lebensweg zu beherzigen bitte:
Sokrates geht aber noch einen Schritt weiter, wenn er auf der Suche nach der Wahrheit die Politiker, die Dichter und die Handwerker in mühevoller Weise dahingehend überprüft, ob sie im Besitz der Weisheit sind oder nicht. Selbst die Aussage der Priesterin Pythia hinterfragt der Philosoph, obwohl sie ihm sogar schmeichelt. Sokrates handelt hier also nicht nach dem Muster eines Menschen, der gerne alles glaubt, was ihm gefällt. Mir, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liegt es am Herzen Sie in Anlehnung an Sokrates für die Wahrheit zu sensibilisieren: Gehen Sie mit ihr sorgsam um und glauben Sie nicht alles, was Ihnen als scheinbar wahr, beispielsweise in den Medien oder auch von sog. Meinungsträgern, angepriesen wird. Seien Sie aber auch wie Sokrates gegenüber sich selbst ehrlich und machen Sie sich klar, wo Ihre Stärken und Schwächen liegen; dann können Sie manche Herausforderungen des Lebens besser bewältigen. Denken Sie außerdem wie Sokrates daran, dass es über allem, was intellektuell verstanden werden kann, noch eine weitere Wahrheit gibt, die zu verstehen im Grunde dem Menschen verwehrt ist. Wer meint, diese letztendliche Wahrheit erkennen zu können, wird schließlich scheitern. Der goethesche Faust ist hierfür ein abschreckendes Beispiel.
In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ans Herz legen, sich Klarheit zu verschaffen über ihr ganz persönliches Lebensziel und dieses dann auch konsequent anzustreben. Dazu gehört natürlich auch, dass Sie wie Sokrates ehrlich gegenüber sich selbst sind und sich auf Ihre Stärken und Schwächen, aber auch auf Ihre vermeintlichen und tatsächlichen Wünsche überprüfen. Sonst laufen Sie Gefahr, dass Sie eines Tages von der Entwicklung Ihres eigenen Lebens enttäuscht sind, weil Sie sich entweder zu viel oder zu wenig zugetraut haben.
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ich bitte Sie, diese Denkweise des Sokrates mit in Ihr eigenes intellektuelles Arbeiten, aber auch in die Gesamtheit Ihres Lebens mit hinein zu nehmen. Seien Sie sich bewusst, dass absolutes Wissen nur erstrebt, aber nicht erreicht werden kann. Bewahren Sie sich etwas von der Bescheidenheit des Sokrates, wenn Sie später Ihr eigenes Wissen bewerten. Dann werden Sie nicht den Fehler machen, dem der bereits erwähnte goethesche Faust erlegen ist.
Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, bitte ich daraus die nötigen Schlüsse zu ziehen: Denken Sie daran, dass all Ihr Handeln einer moralischen Instanz unterliegt. Seien Sie sich bewusst, dass es bei aller materiellen Sicherheit, die Sie auf jeden Fall anstreben sollen - das möchte ich auch ausdrücklich betonen, - darüber hinaus einen Bereich gibt, dem Sie genauso wie Sokrates verpflichtet sind. Wenn Sie diesen Bereich ernst nehmen, wird es Sie in besonderem Maße auszeichnen. Seien Sie sich in Ihrem Leben auch bewusst, dass Sie Teil einer großen Gemeinschaft sind und dass diese nur funktionieren kann, wenn Ihnen als Einzelnen klar ist, dass Ihr persönlich-individuelles Handeln einer Verpflichtung für die Gesamtheit unterliegt.
Ganz ähnlich empfehle ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, sich den athenischen Philosophen als Vorbild dafür zu nehmen, in der Gesellschaft Stellung zu beziehen und hier Ihre Gestaltungsmöglichkeiten auch auszuschöpfen. Als Staatsbürger in einer Demokratie haben Sie die Pflicht sich einzubringen in Staat und Gesellschaft; sie sollten sich nicht in den Elfenbeinturm eines rein privaten Glücks zurückziehen, sondern bewusst am politischen und gesellschaftlichen Prozess teilnehmen.
Wünsche zum Abschied und Schluss: Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, es liegt mir am Herzen, dass Sie die angesprochenen Gedanken in Ihre weitere Zukunft mitnehmen. Sie werden dann die Wege ihres eigenen Lebens in manchen Punkten bewusster gestalten, möglicherweise sogar vor Irrwegen verschont bleiben.
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, meine Kolleginnen, meine Kollegen und ich selbst wünschen Ihnen,
Für die Lehrerschaft des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums und ganz persönlich gratuliere ich Ihnen und Ihren Eltern noch einmal sehr herzlich zu Ihrem Abitur und wünsche Ihnen für den weiteren Lebensweg alles Gute und Gottes Segen! Ich danke für die Aufmerksamkeit.
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| Aktualisiert ( Dienstag, 24. Januar 2012 um 13:35 Uhr ) | ||||


