Bertha-von-Suttner-Gymnasium

Verabschiedung des ersten G8-Jahrgangs am 01.07.2011 PDF Drucken E-Mail
  

Abiturrede des Schulleiters

 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,

 

an einem Tag wie dem heutigen geht allen Beteiligten alles Mögliche durch den Kopf. Unzählige und auch sehr unterschiedliche Gedanken verbinden sich – zusammen mit Gefühlen des Stolzes, der Erleichterung und der hoffentlich freudigen, vielleicht auch etwas bangen Erwartung an die Zukunft – zu einer komplexen Mischung. Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben nun Ihren schulischen Bildungsweg erfolgreich zurückgelegt und beschreiten einen neuen Weg, der, wie alles Unbekannte, Chancen, aber auch Risiken beinhaltet.

Jeder einzelne von Ihnen wird nun seine ganz persönlichen Erwartungen an seinen eigenen Lebensweg haben und versuchen diese in der Lebenspraxis umzusetzen mit dem Ziel, zu einem erfüllten Leben zu kommen.

 

Aus diesem Grunde sehe ich es als meine Aufgabe an, Ihnen heute, an einer entscheidenden Weichenstellung Ihres Lebens, ein paar Orientierungspunkte und Anregungen für die Gestaltung Ihres persönlichen, aber auch beruflichen Lebens in der Zukunft zu geben.

Basis unserer heutigen Betrachtung und Interpretation soll der berühmte Versroman „Parzifal“ des berühmten mittelalterlichen Dichters Wolfram von Eschenbach (1170 – 1220) sein. Sie alle kennen dieses Werk aus dem Deutsch- oder Musikunterricht, aber trotzdem oder vor allem deshalb ist es nun - am Ende Ihres gymnasialen Lebensabschnittes - reizvoll, gewisse Sachverhalte daraus auf dem Hintergrund Ihres neuen vor Ihnen stehenden Weges zu interpretieren. Denn manche der in dem Versroman gestalteten Zusammenhänge sind nicht nur Umstände, denen der mittelalterliche Held ausgeliefert war, sondern auch Bedingungen des Lebens, die für das 21. Jhdt. genauso Gültigkeit haben und denen auch der Mensch der Gegenwart unterliegt.

Darauf aufbauend werde ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, für Ihren eigenen Weg in der Zukunft ein paar Anregungen aufzeigen. Ich bitte Sie nun, aber auch die ganze Festgesellschaft, mit mir einen kurzen intellektuellen Rundgang zu unternehmen.

 

Parzifal zwischen Scheitern und Vollendung:

Hochmut und Selbstherrlichkeit: Parzival wächst in der Einsamkeit auf, weil seine Mutter Herzeloyde dem unerfahrenen Knaben die Gefahren des Ritterlebens und jegliche Leiderfahrung ersparen will. Auf seine Frage nach Gott vermittelt sie ihm erste unreflektierte, naive Vorstellungen von Gott und Welt. Als Parzival eines Tages vier Artusrittern begegnet, die er zuerst für Götter hält, erfährt er von der Existenz des Artushofes. Nun erwacht in ihm der Abenteuerdrang. Herzeloyde vermag ihren Sohn nicht mehr zurückzuhalten und lässt ihn mit einem dürren Gaul und in Narrenkleidern ziehen.

Suchen und Irren: Der junge Ritter durchzieht die Länder; von seiner Base Sigune erfährt er seinen Namen und seine vornehme Herkunft. Das steigert seinen Tatendrang. Im Artuskreis tötet er den König Ither und raubt ihm seine rote Rüstung. Noch verhält er sich wie ein Unerfahrener, der die Folgen seines Handelns nicht abzuschätzen vermag. Erst sein Onkel Gurnemanz bildet ihn zum formvollendeten Ritter aus, lehrt ihn die höfischen Tugenden maze und zuht. Parzival empfängt von Gurnemanz den Rat: “Ihr sollt nicht viele Fragen stellen!“ Als selbstbewusster, von Stolz und Geltungsdrang erfüllter Ritter besteht er zahlreiche Abenteuer, eilt der bedrängten Königin Condwiramurs zu Hilfe und heiratet sie. Doch es hält ihn nicht im neu gewonnenen Reich, es drängt ihn zu neuen Abenteuern und er verlässt seine Frau. Eines Abends weist ein Fischer Parzival auf die Burg Munsalväsche, auf die geheimnisvoll-berühmte Gralsburg, hin. Dort erlebt der Gast die feierliche Gralsprozession, in der die Gralskönigin, von 24 Jungfrauen begleitet, den Gral in den Festraum trägt. Aber Parzifal unterlässt es, dem leidenden Gralskönig Amfortas die Mitleidsfrage zu stellen, weil er glaubt, ritterliche Sitte verbiete ihm das. Über den äußeren Anstandsregeln versäumt der noch Unreife die tiefere Pflicht der Menschlichkeit. Parzival muss am nächsten Tag die Gralsburg verlassen und kehrt zum Artushof zurück, wo ihn die Gralsbotin Cundrie verflucht. Da verlässt unser Held den Artushof, sein Gottvertrauen ist zerbrochen: Parzifal verzweifelt an Gott. Der stolze Ritter, der sich nach Cundries Verfluchung in seinem Ansehen geschädigt fühlt, ahnt wohl seine Schuld, ohne sie eigentlich zu kennen. Fünf Jahre irrt er umher, bis fromme Pilger den Hilfsbedürftigen zum Eremiten Trevrizent verweisen.

Erkenntnis der Verfehlungen: Die Begegnung mit diesem bildet den Mittelpunkt des Romans. Trevrizent öffnet Parzifal die Augen für seine Verfehlungen und Irrtümer: Als Parzifal seine Mutter verließ, begab er sich auf den Weg des Hochmuts. Sein selbstherrlicher Entschluss, ein ritterliches Leben zu wagen, ohne nach Gottes Willen zu fragen, führte zur Schuld; Ithers Tötung und das Schweigen vor Amfortas waren weitere schwere Verfehlungen. Parzifal erkennt nun seinen Hochmut, seine unbewusste Schuld.

Reifeprozess und Vollendung: Jetzt erkennt er: Erst die Demut, das Begreifen der eigenen Erlösungsbedürftigkeit und Sündhaftigkeit, führt zur richtigen Orientierung im Leben. Auf dieser Basis entwickelt sich der Reifeprozess unseres Parzival, an dessen Ende er noch einmal die Chance erhält, in der Gralsburg vor Amfortas treten und an ihn die Mitleidsfrage richten zu können: „Oheim, was fehlt dir?“ In der Folge erringt Parzival den Gral. Auch Condwiramurs kommt zu ihm. Nun hat Parzival sein Lebensziel erreicht: den Gral und Condwiramurs, Harmonie zwischen Gott und Welt.

 

 

Auswertung

Betrachten wir das von Wolfram von Eschenbach geschilderte Geschehen, so stellen wir Folgendes fest, was ich Sie auch auf Ihrem zukünftigen Lebensweg zu beherzigen bitte:

  • Die im Versroman Parzival geschilderten Verhaltensweisen des Helden sind Verhaltensweisen auch des Menschen des 21. Jh. Eine Betrachtung der Art und Weise, wie der Handlungsträger mit dem Phänomen Leben umgeht, vermittelt auch Entscheidungshilfen für menschliches Handeln in der Gegenwart. Parzival ist der mit den Gegebenheiten des Lebens ringende und immer wieder auch an seine Grenzen kommende Mensch: Ungestüm drängt Parzival in die unbekannte Welt hinaus und macht sich dadurch schuldig, dass er die Mutter einsam und traurig zurücklässt. In tiefer Ruhelosigkeit und unbändigem Abenteuerdrang verlässt er seine Ehefrau; gegenüber Amfortas erkennt er nicht, welche Pflicht der Menschlichkeit er hätte erfüllen müssen; oder anders ausgedrückt: er erkennt auch nicht, welche Gelegenheit sich ihm für sein Leben in dieser Situation geboten hat.

Mir, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liegt es am Herzen, Ihnen deutlich zu machen, dass Sie sich in der Gestaltung Ihres Lebens weniger von Emotionen, wie Parzival, und mehr von Überlegung leiten lassen. Auch wünsche ich Ihnen, dass Sie nicht den Fehler des Parzifal machen, dass Sie den richtigen Zeitpunkt zum Handeln versäumen. Allein Ihrer eigenen Verantwortlichkeit obliegt es nämlich zu erkennen, was die gegebene Situation jeweils verlangt. In diesem Zusammenhang fällt mir der berühmte Satz von Michael Gorbatschow ein: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Und so wünsche ich Ihnen auch, immer den richtigen Blick für das Notwendige zu haben und zwar zur rechten Zeit.

  • Einen Lebensweg gehen bedeutet wie für Parzifal eine Entwicklung nehmen, die der Einzelne aktiv mitgestalten kann, ja sogar muss, je nachdem welche persönlichen Ziele er verfolgt und welche Schwerpunkte er setzt. Aus dem ungestümen Drang danach das Leben in seiner ganzen Fülle kennen zu lernen, verlässt er seine Mutter; sein weiterer Lebensweg ist ein ständiges Irren und fehlerhaftes Handeln. Die Ursache dafür ist darin zu sehen, dass Parzifal über sein Handeln, das von Egoismus getragen ist, nicht nachdenkt oder - modern - nicht darüber reflektiert, es nicht bewertet. Erst als er seinen Hochmut erkennt, ist es ihm möglich, an sein tatsächliches Lebensziel zu kommen.

Aus diesem Weg des Parzifal empfehle ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, für Ihr eigenes Leben den Schluss zu ziehen, dass es sinnvoll, ja nötig ist, den eigenen Lebensweg immer wieder kritisch zu hinterfragen und darauf hin zu überprüfen, ob er im Einklang mit Ihrer persönlichen Lebenszielsetzung, aber auch mit Ihrer Verpflichtung gegenüber ihren Mitmenschen und der Gesellschaft steht. Sie ersparen sich dann unnötige, vielleicht auch aufwändige Umwege und erreichen so leichter und schneller ihre Ziele und die Erfüllung ihrer Wünsche.

  • Parzival steht im Spannungsverhältnis von irdischer und überirdischer Welt. Er weiß zunächst nicht, dass er sein Tun vor einer überirdischen Instanz rechtfertigen muss. Ein Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Tötung des Ither oder sein Lebensweg, der teilweise von Stolz und egoistischem Geltungsdrang geprägt ist. Damit überschreitet Parzifal in massiver Weise die ethischen Grenzen, die ihm, aber auch jedem Menschen gesetzt sind.

Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, bitte ich daraus die nötigen Schlüsse zu ziehen: Denken Sie daran, dass Sie in all Ihrem Handeln nicht nur einer juristischen, sondern auch einer moralischen Instanz unterliegen. Stolz und Überheblichkeit verschließen Ihnen den Blick für die Realität, so wie es Parzival schmerzhaft erfahren musste; Bescheidenheit und Demut öffnen aber den Weg zur Erkenntnis für das Machbare und die zahlreichen Möglichkeiten des Lebens, die genutzt werden können. Und so möchte ich auch an Sie appellieren, all Ihr zukünftiges Handeln nicht nur auf der Basis des Nützlichkeitsstandpunktes, sondern auch auf der Basis ethischer Grundsätze zu reflektieren.

  • Das Tätigsein des Parzival und seine ständige Unruhe ist ein Bild für das menschliche Suchen überhaupt, ein Bild des Suchens nach Sinnfülle, dem im Grunde jeder sein Leben ernsthaft gestaltende Mensch unterliegt. In gleicher Weise drängt es den Parzival hinaus in die Fülle des Lebens: er trifft viele für ihn wichtige Menschen, er heiratet und wird durch die Heirat Herrscher über ein Reich, sogar auf die Gralsburg kommt er, um schließlich jenem weisen Mann zu begegnen, der ihn zur Selbsterkenntnis führt.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ans Herz legen, sich darüber klar zu sein, dass auch Ihr eigenes persönliches Leben ein Suchen sein wird. Gestalten Sie diese Sinnsuche in vollem Bewusstsein Ihrer Wünsche und Möglichkeiten. Dann werden Sie auch wie Parzival die Chance haben, zu jener Sinnfülle zu gelangen, die unser Handlungsträger schließlich erreicht. Das wünsche ich Ihnen sehr von Herzen.

  • Höhen und Tiefen muss Parzival erleben. Höhen und Tiefen gehören aber auch zum Leben eines jeden Menschen; dabei ist es tröstlich zu wissen, dass es nach einem Tiefpunkt, nach schwerer Zeit, nach Entbehrungen auch wieder aufwärts gehen wird; als Beleg sei hier erwähnt, wie sehr sich die äußere Situation für Parzival zum Schlechten verändert hat, nachdem er das erste Mal dem König Amfortas begegnet war und es versäumt hatte, die entscheidende Frage zu stellen. Und wie sehr sie sich zum Guten veränderte, als ihm von Trevrizent die Augen geöffnet worden waren.

Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, mögen aus dem Schicksal des Parzival die Schlussfolgerung ziehen, dass es nach einer Lebensphase, die nicht so gut gelaufen ist, wieder aufwärts gehen kann. Dies wird Ihnen dann Kraft geben, sog. „Durststrecken“ besser und leichter zu bewältigen.

  • Ohne die Hilfe des erfahrenen Ratgebers Trevrizent kommt Parzifal nicht weiter, der dem Helden die Augen für seine Verfehlungen und Irrtümer öffnet. Ohne ihn hätte er wohl nicht die entscheidende Chance gehabt, auf den richtigen Lebensweg zu kommen. In eindrucksvoller Weise hat der Dichter diesen Sachverhalt gestaltet.

Im Zusammenhang damit, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, empfehle ich Ihnen die Ratschläge der älteren erfahrenen Generation nicht als Bevormundung, sondern als Hilfe zu sehen und diese auch anzunehmen. Sie erleichtern sich damit Vieles und ersparen sich möglicherweise auch unnötige und zeitaufwändige Umwege in Ihrem Leben.

 

Wünsche zum Abschied und Schluss:

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, es liegt mir am Herzen, dass Sie die angesprochenen Gedanken in Ihre weitere Zukunft mitnehmen. Sie werden dann die Wege ihres eigenen Lebens in manchen Punkten bewusster gestalten und vielleicht auch leichter bewältigen, möglicherweise sogar vor Irrwegen verschont bleiben.

  • Gehen Sie mit dem nötigen rationalen Blick für die Realität an die Gestaltung Ihres persönlichen und beruflichen Lebens und versäumen Sie nicht den richtigen Zeitpunkt, wenn ein entschlossenes Handeln von Ihnen verlangt wird.

  • Machen Sie sich immer wieder Gedanken über ihren eigenen Lebensweg und überprüfen Sie ihn im Hinblick darauf, ob er wirklich auch im Einklang mit Ihrer persönlichen Lebenszielsetzung steht.

  • Vergessen Sie nicht, dass all Ihr Handeln nicht nur einer juristischen, sondern auch einer moralischen Instanz unterliegt.

  • Seien Sie offen für Ratschläge und Empfehlungen der älteren Generation, auch wenn diese Ihnen manchmal nicht schmeichelhaft sein sollten.

  • Denken Sie auch daran, dass zum Leben oft Höhen und Tiefen dazugehören. Sie werden leichter damit umgehen können, wenn Sie wissen, dass es nach einem Tiefpunkt auch wieder aufwärts gehen wird.

 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, meine Kolleginnen, meine Kollegen und ich selbst wünschen Ihnen, dass Sie auf ihrem zukünftigen Weg in richtiger Weise auf dem am Bertha-von-Suttner-Gymnasium Gelernten aufbauen und mit Entschlossenheit und Tatendrang, aber auch mit Idealismus alle Ihre Kräfte und Fähigkeiten noch weiter mobilisieren und aktivieren, um so schließlich den künftigen beruflichen, aber auch den privaten Lebensweg mit Zufriedenheit, ja mit Glück, gehen zu können. Denken Sie bei allem aber auch daran, dass Glück mehr ist als beruflicher oder materieller Erfolg! Zu allem dürfen wir Ihnen vor allem auch und zu allererst Gesundheit wünschen.

Für die Lehrerschaft des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums und ganz persönlich gratuliere ich Ihnen und Ihren Eltern noch einmal sehr herzlich zu Ihrem Abitur und wünsche Ihnen für den weiteren Lebensweg alles Gute und Gottes Segen!

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

 

Aktualisiert ( Dienstag, 24. Januar 2012 um 13:30 Uhr )