| Abiturrede des Schulleiters - 2010 |
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Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,
am Ende einer dreizehnjährigen oder längeren Schulzeit geht allen Beteiligten alles Mögliche durch den Kopf. Unzählige und auch sehr unterschiedliche Gedanken verbinden sich – zusammen mit Gefühlen des Stolzes, der Erleichterung und der hoffentlich freudigen, vielleicht auch etwas bangen Erwartung an die Zukunft – zu einer komplexen Mischung. Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben nun Ihren schulischen Bildungsweg erfolgreich zurückgelegt und beschreiten einen neuen Weg, der, wie alles Unbekannte, Chancen, aber auch Gefahren beinhaltet.
Sicher wird jeder von Ihnen sich schon Gedanken gemacht haben, was letztendlich das Ziel ist, das er in der Zukunft anstrebt, im beruflichen und im privaten Bereich. Und so unterschiedlich und einzigartig jeder einzelne von Ihnen ist, so verschieden werden auch Ihre Erwartungen an den eigenen Lebensweg und das Leben an sich sein. Jeder einzelne von Ihnen wird ja für sich selbst seine eigenen individuellen Schwerpunkte setzen aus dem bewussten oder unbewussten Wunsch heraus, zu einem erfüllten Leben zu kommen. Aus diesem Grunde sehe ich es als meine Aufgabe an, Ihnen heute, an einer entscheidenden Weichenstellung Ihres Lebens, ein paar Orientierungspunkte und Anregungen für die Gestaltung Ihres persönlichen, aber auch beruflichen Lebens in der Zukunft zu geben. Basis unserer heutigen Betrachtung und Interpretation sollen einzelne Szenen aus dem wohl bedeutendsten Werk der abendländischen Literatur, nämlich der Odyssee, sein, die dem Dichter Homer zugeschrieben wird. Sie alle kennen dieses Werk aus dem Deutsch- oder Lateinunterricht, aber trotzdem oder vor allem deshalb ist es nun – am Ende Ihres gymnasialen Lebensabschnittes - reizvoll, gewisse Sachverhalte daraus auf dem Hintergrund Ihres neuen vor Ihnen stehenden Weges zu interpretieren. Denn manche der in der Odyssee auftretenden Handlungsträger sind nicht nur homerische Helden, sondern können aufgrund der Art und Weise, wie sie mit den jeweiligen Bedingungen des Lebens umgehen, durchaus als Vorbilder für unsere eigene Lebensführung verstanden werden. Darauf aufbauend werde ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, im Folgenden für Ihren eigenen Weg ein paar Anregungen aufzeigen.
Homers Handlungsträger zwischen individueller Verantwortlichkeit und Sinnfülle: In den ersten vier Gesängen der Odyssee hat der homerische Dichter Telemach, den Sohn des Odysseus, in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt: Telemach begibt sich nach Pylos zum greisen Nestor, um Gewissheit über das Schicksal des Vaters zu erlangen. Der tiefere Grund, weshalb Nestor von Telemach aufgesucht wird, ist nach Aussage des homerischen Dichters nicht nur die Sorge um den Vater, sondern vor allem der Respekt vor der Weisheit und dem Wissen des Lebens erfahrenen reiferen Mannes, was tatsächlich als ein Beispiel für ein vorbildhaftes Verhalten der Jugend gegenüber dem Alter gesehen werden kann.
Im 5. Gesang der Odyssee ist der Blick des Dichters auf den Haupthandlungsträger Odysseus gerichtet. Nachdem sein Floß in einem schrecklichen, von Poseidon verursachten Unwetter zu Bruch gegangen ist, erreicht er schwimmend und mit letzter Kraft die Küste der Phäaken, wo er vor Erschöpfung einschläft. Odysseus, der König von Ithaka und aufgrund seiner List maßgeblicher Bezwinger Trojas, ist hier tatsächlich an einem Tiefpunkt seiner materiellen bzw. irdischen Existenz angekommen; wie Strandgut liegt er am Meeresstrand da, schutzlos der Natur ausgeliefert, ein Fremder unter Fremden. Doch das Schicksal wendet sich zu seinen Gunsten: Am nächsten Tag findet er mit Unterstützung der Königstochter Nausikaa, die sich in ihn verliebt, freundliche Aufnahme und Bewirtung bei dem König der Phäaken Alkinoos: Das Schicksal des Odysseus hat sich zum Guten gewendet. Bei einem Gastmahl im Rittersaal gibt er sich dann zu erkennen und erzählt die Geschichte seiner Irrfahrten, von denen im Folgenden nur einige wenige herausgegriffen sein sollen, die für unsere nachfolgende Interpretation wichtig sind. Odysseus erzählt u.a. von seinem Erlebnis mit dem Kyklopen Polyphem, den er allein durch seine geistige Überlegenheit überwunden hat, indem er ihn betrunken gemacht und ihm eine falsche Identität genannt hat. Nach der Rettung aus der Gefahr bei Polyphem aber macht der Haupthandlungsträger einen schlimmen Fehler, indem er den blinden Kyklopen verhöhnt, worauf dieser seinen Vater Poseidon bittet, dem Odysseus für die Zukunft nichts Gutes mehr zu gewähren. In der Begegnung mit den beiden Ungeheuern Skylla und Charybdis gerät Odysseus in eine tatsächlich aussichtslose Zwangslage, da er mit beiden Ungeheuern, die eine Meerenge beherrschen, gleichzeitig fertig werden muss: Charybdis ist ein gefährliches Wesen, das die Schiffe einschlürft und im Meeresgrund versinken lässt. Diesem Monstrum gegenüber befindet sich Skylla, ein sechsköpfiges Ungeheuer, das die vorbeikommenden Seefahrer packt und auffrisst. Odysseus löst das ihm gestellte Problem, indem er seine Gefährten in möglichst großer Entfernung von Charybdis und damit nahe an Skylla vorbei rudern lässt. In kluger Berechnung entscheidet sich Odysseus für diese Lösung, weil er hier das Schiff rettet und „nur“ sechs seiner Gefährten verliert. Eine andere Bewährung, die Odysseus durchmachen muss, ist das Abenteuer im Zusammenhang mit den Rindern des Sonnengottes Helios. Trotz der Warnung des Sehers Teiresias und trotz des ausdrücklichen Verbotes des Odysseus schlachten seine Gefährten heimlich die Rinder. Als sie jedoch wieder auf dem Meer sind, geraten sie in einen Sturm und ertrinken. Nur Odysseus kann sich auf einen Mastbaum retten; er ist der einzige, der im Zusammenhang mit den Rindern des Helios keine Schuld auf sich geladen hat und deshalb überlebt. Odysseus hat ein Ziel, das ihm die Kraft gibt, alle Gefahren und Abenteuer durchzustehen, nämlich die Heimkehr nach Ithaka und die Heimkehr zu seiner Familie. Durch seine Leidensfähigkeit und seine Geduld, aber auch mithilfe seines Intellekts bewältigt der Handlungsträger schließlich die größten Gefahren und erreicht so sein Ziel.
Auswertung Betrachten wir das von Homer geschilderte Geschehen, so stellen wir Folgendes fest, was ich Sie auch auf Ihrem zukünftigen Lebensweg zu beherzigen bitte:
Wünsche zum Abschied und Schluss: Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, es liegt mir am Herzen, dass Sie die angesprochenen Gedanken in Ihre weitere Zukunft mitnehmen. Sie werden dann die Wege ihres eigenen Lebens in manchen Punkten bewusster gestalten und vielleicht auch leichter bewältigen, möglicherweise sogar vor Irrwegen verschont bleiben.
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, meine Kolleginnen, meine Kollegen und ich selbst wünschen Ihnen, dass Sie auf ihrem zukünftigen Weg in richtiger Weise auf dem am Bertha-von-Suttner-Gymnasium Gelernten aufbauen und mit Entschlossenheit und Tatendrang, aber auch mit Idealismus alle Ihre Kräfte und Fähigkeiten noch weiter mobilisieren und aktivieren, um so schließlich den künftigen beruflichen, aber auch den privaten Lebensweg mit Zufriedenheit, ja mit Glück, gehen zu können. Denken Sie bei allem aber auch daran, dass Glück mehr ist als beruflicher oder materieller Erfolg! Zu allem dürfen wir Ihnen Gesundheit wünschen; ohne diese ist nämlich das Erreichen von Glück und Erfolg nur sehr schwer oder sogar überhaupt nicht möglich. Für die Lehrerschaft des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums und ganz persönlich gratuliere ich Ihnen und Ihren Eltern noch einmal sehr herzlich zu Ihrem Abitur und wünsche Ihnen für den weiteren Lebensweg alles Gute und Gottes Segen!
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| Aktualisiert ( Dienstag, 24. Januar 2012 um 12:49 Uhr ) | ||||


